Stellen Sie sich einen Schweißer vor, der in völliger Dunkelheit arbeitet, umgeben von eiskaltem Wasser, unter einem Druck, der um ein Vielfaches höher ist als an der Oberfläche, und nur wenige Minuten Zeit hat, um eine präzise Schweißnaht herzustellen, die für die Sicherheit der gesamten Konstruktion entscheidend ist. Das ist keine Szene aus einem Science-Fiction-Film, sondern der Arbeitsalltag eines Berufs, der die Fähigkeiten eines Berufstauchers mit denen eines hochqualifizierten Schweißers verbindet. Unterwasserschweißen gehört zu den anspruchsvollsten und bestbezahlten technischen Berufen der Welt.
Das Schweißen unter Wasser lässt sich in zwei grundlegend unterschiedliche Verfahren unterteilen, die lediglich ein gemeinsames Ziel haben: eine dauerhafte Verbindung von Metall in einer Unterwasserumgebung.
Nassschweißen (Wet Welding) findet direkt im Wasser statt, ohne physische Barriere zwischen der Elektrode und der Umgebung. Der Schweißtaucher verwendet spezielle wasserfeste umhüllte Elektroden. Der Lichtbogen erzeugt um sich herum eine Blase aus Wasserdampf und Gasen, in der der eigentliche Schweißprozess stattfindet. Dieses Verfahren ist schnell, flexibel und vergleichsweise kostengünstig und eignet sich daher besonders für Notfallreparaturen – beispielsweise an beschädigten Schiffsrümpfen oder Unterwasserpipelines. Ein Nachteil ist die sehr schnelle Abkühlung der Schweißnaht durch das umgebende Wasser, wodurch die Verbindung spröder werden und das Risiko von Rissen steigen kann.
Trockenschweißen (Dry Welding, hyperbares Schweißen) spielt dagegen in einer völlig anderen Liga. Um die Schweißstelle herum wird eine abgedichtete Kammer errichtet, aus der das Wasser verdrängt wird. Dadurch entsteht eine trockene, kontrollierte Arbeitsumgebung, die mit einem Gasgemisch unter entsprechendem Druck gefüllt ist. Der Schweißer arbeitet unter Bedingungen, die denen in einer Werkstatt an Land sehr nahekommen. Dadurch sind Qualität und Festigkeit der Schweißnaht deutlich höher und häufig mit den Standards des Schweißens an der Oberfläche vergleichbar. Dieses Verfahren wird vor allem beim Bau und bei der Instandhaltung von Bohrplattformen, Transportpipelines sowie Unterwasseranlagen der Energiewirtschaft eingesetzt, bei denen jedes Detail von entscheidender Bedeutung ist.
Die Nachfrage nach Unterwasserschweißern wird gleichzeitig von mehreren Industriezweigen angetrieben. Die Öl- und Gasindustrie benötigt sie für den Bau und die Instandhaltung von Bohrplattformen sowie kilometerlangen Unterwasserpipelines. Werften und Häfen setzen sie ein, um Schiffsrümpfe zu reparieren, ohne dass die Schiffe dafür kostenintensiv ins Trockendock gebracht werden müssen.
Auch die Offshore-Energiewirtschaft und insbesondere der dynamisch wachsende Bereich der Offshore-Windparks sorgen für eine steigende Nachfrage nach Spezialisten, die Konstruktionen an Unterwasserfundamenten bearbeiten und verbinden können. Nicht zu vergessen sind Brücken, Staudämme und Schleusen – zahlreiche wichtige Komponenten wasserbaulicher Infrastruktur müssen regelmäßig unterhalb der Wasseroberfläche inspiziert und durch Schweißarbeiten instand gesetzt werden.
Der Weg zum Unterwasserschweißer ist lang und anspruchsvoll. Zunächst muss ein Kandidat die Qualifikation als Berufstaucher erwerben. Dies allein bedeutet Hunderte von Ausbildungsstunden in Bereichen wie Tauchphysiologie, Bedienung von Tiefseetauchausrüstung und Sicherheitsverfahren. Erst auf dieser Grundlage werden die erforderlichen Schweißkenntnisse aufgebaut und durch Zertifikate nach internationalen Normen wie beispielsweise AWS D3.6 in den Vereinigten Staaten bestätigt.
Die Arbeit findet häufig in Tiefen von mehreren Dutzend Metern statt, bei keinerlei oder nur sehr eingeschränkter Sicht. Der Schweißer muss sich dabei teilweise auf seinen Tastsinn und auf eintrainierte, nahezu auswendig beherrschte Bewegungsabläufe verlassen. Hinzu kommen elektrische Gefahren sowie Risiken im Zusammenhang mit der Dekompressionskrankheit oder einer plötzlichen Verschlechterung der Wetterbedingungen an der Wasseroberfläche.
Aus diesem Grund gilt dieser Beruf als einer der gefährlichsten der Welt – zugleich gehört er jedoch zu den besonders gut bezahlten technischen Tätigkeiten, für die nicht zwingend ein Hochschulabschluss erforderlich ist.
Die Weiterentwicklung der Robotik und ferngesteuerter Unterwasserfahrzeuge (ROV – Remotely Operated Vehicles) führt dazu, dass Maschinen zunehmend einfachere Inspektions- und Reparaturarbeiten übernehmen. Das bedeutet jedoch keineswegs das Ende dieses Berufs. Bei Aufgaben, die Flexibilität, eine unmittelbare Beurteilung der Situation und präzise manuelle Arbeit an schwer zugänglichen Stellen erfordern, bleibt der Mensch weiterhin unverzichtbar.
Mit dem weiteren Ausbau der Offshore-Windenergie und der zunehmenden Alterung bestehender Unterwasserinfrastrukturen können erfahrene Schweißtaucher auch in den kommenden Jahrzehnten mit einer stabilen Nachfrage nach ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten rechnen.